5.4.7. Die Gerechtigkeit

Die Gerechtigkeit im Sinne des Universums ist der optimale Zustand der Entwicklung des hierarchischen Bewusstseins.

Der Mensch betrachtet die Gerechtigkeit als ein Gleichgewicht zwischen der guten Tat und der Belohnung, zwischen dem Vergehen und der Bestrafung. Eine auf diese Weise definierte Gerechtigkeit wird vom Gesetz bewacht. Eine solche Gerechtigkeit ist aber häufig eine Ungerechtigkeit im Sinne des Universums.

Der Mensch hat schon auf verschiedene Arten mit der Gerechtigkeit experimentiert. Immer mit den gleichen Folgen: Unzufriedenheit und Revolution. Dies wird andauern, solange die menschliche Gerechtigkeit von den Prinzipien des Universums abweichen wird.

Die menschlichen Mythen tragen die Schuld daran. Einer dieser Mythen besagt, dass der Wert des Menschen von seiner Herkunft abhängig ist. Alles übertrifft jedoch der Mythos, welcher sich immer noch hält und besagt, dass die Macht erblich sei. Ehemals wurde diese Machtordnung durch das Gesetz und die Religion gefestigt und bewacht. Jeder, der es sich erlaubt hat diese Machtordnung in Frage zu stellen, wurde doppelt bestraft, das erste Mal auf der Erde und ein zweites Mal in der Hölle. Seit der französischen Revolution wissen wir, dass die Machtordnung auch ohne Vererbung der Macht funktioniert. Seit der kommunistischen Revolution wissen wir, dass es volle Gleichberechtigung geben kann: Für jeden nichts. Seit der Ära des modernen Kapitalismus wissen wir, das jeder reich sein kann. Darum gibt es auch eine ganze Armee von Armen, welche diese Regel bestätigen durch ihren Willen Wohlstand zu erlangen. Wenn jemand trotzdem arm bleibt, ist er selber schuld, oder vielleicht doch nicht? Alle haben doch die gleichen Chancen...

Der Kommunismus hat versucht das Prinzip der Gleichberechtigung einzuführen und alles zu verteilen je nach Bedürfnissen oder Verdiensten. Das Problem lag aber im Verteilungsmechanismus selbst. Den Weg zur Realisierung dieses Systems hat folgendes Prinzip versperrt: „Wer verteilt, der bekommt“. Konsequenterweise führte dieses System in den Ruin. Es haben sich nämlich Verteilereliten gebildet. Das System hat Schiffbruch erlitten, weil es genügte, sich mit dem Verteilen zu beschäftigen. Es war nicht mehr nötig kreativ zu sein um belohnt zu werden.

Der moderne Kapitalismus distanziert sich vom Frühkapitalismus, in dem jeder, zumindest theoretisch, die Chance bekommt reich zu werden. Jeder, der zum allgemeinen Wohlstand einen Beitrag leistet, wird belohnt. Dieses System hat aber eine Lücke, die übermässige Bereicherung.

Es kann keine Gerechtigkeit geben, wenn ein Manager 100 mal mehr verdient als ein gemeiner Mitarbeiter. Das Prinzip, welches die Verdienste direkt mit der Verwaltungshierarchie verknüpft, ist nicht gerecht. Es eliminiert nämlich die Notwendigkeit des Gebens, behält aber das Privileg des Nehmens.

Es kann keine Gerechtigkeit geben, wenn jemand ein Vermögen aufgrund der Verwandtschaft erbt, obwohl er nicht den kleinsten Finger für die Anhäufung dieses Vermögens gekrümmt hat.

Es kann keine Gerechtigkeit geben, wenn derjenige, der Brot gestohlen hat im Gefängnis landet, und ein anderer „zur Elite Gehörender” nur die Stelle in der Firma wecheln muss, wenn er Milionen ertrogen hat.

Ein Gesetz kann nicht der Gerechtigkeit dienen, wenn es zulässt, dass Unwahrheit verbreitet wird, mit dem Ziel daraus einen Profit zu schlagen. Aber genau das machen die meisten kommerziellen Produktwerbungen.

Es kann auch keine Gerechtigkeit geben, wenn zugelassen wird, dass die Menschen sich bereichern, ohne einen Beitrag zum kollektiven Bewusstsein zu leisten. Aber genau das passiert an den Börsen oder in den Casinos.

Es kann keine Gerechtigkeit geben, wenn sich die Armen nicht ausbilden können. Aber genau das passiert, wenn man für die Ausbildung bezahlen muss.

Man könnte unendlich viele andere Beispiele aufzählen.

Es ist aber wahr, dass die Gerechtigkeit des Universums Ungerechtigkeit bei einem einzelnen Mensch zulässt. Diese Ungerechtigkeit ist aber keine Dauerregel, sondern eine Ausnahme. Diese Ausnahme kommt erst dann zum Einsatz, wenn die Existenz des kollektiven Bewusstseins bedroht wird.

Es ist auch wahr, dass man nur unter den Reichen reich sein kann. Der Reichtum des Einen und das Elend des Anderen ist der einfachste Weg zur Revolution. Dies ergibt sich direkt aus der Gerechtigkeit des Universums. Das hierarchische Bewusstsein, in welchem keine Gerechtigkeit herrscht, muss zerfallen. Im Bezug auf das menschliche kollektive Bewusstsein, kann dies unter anderem durch eine Revolution erreicht werden.

Der Glaube, dass der freie Markt alles regelt, ergibt sich aus der Überzeugung, dass das Universum ein Schlachtfeld ist. Auf diesem Schlachtfeld gewinnt immer der Stärkere. Immerhin wird dieses Prinzip in der Evolutionstheorie verwendet. Der freie Markt ist doch nichts anderes als eine Umsetzung der Evolutionstheorie in der Wirtschaft.

Bloss erleben wir von Zeit zu Zeit ein Börsencrash und plötzlich werden alle ärmer. Die Marktwirtschaft einwickelt sich von Katastrophe zur Katastrophe. Der einzige Weg die falsche Entwicklung in diesem System zu stoppen führt über eine Katastrophe. Diese Art von Selbstregulierung der menschlichen Systeme erinnert an die Autofahrt eines Betrunkenen, von einem Strassenrand zum anderen. Und wenn es dabei zu einem Unfall kommt, wird die Schlussfolgerung gezogen, dass man betrunken langsamer fahren muss.

Die Prinzipien des Universums bestimmen es anders. Immerhin kämpft der menschliche Körper, der ein harmonisierter Träger des menschlichen Bewusstseins ist, nicht mit sich selbst. Der Mensch hat dafür zwei Augen, um räumlich sehen zu können. Es gibt zwischen den Augen keine Konkurrenz. Würde der Magen sich nach den menschlichen Regeln verhalten, dann wurde er das Essen nicht verdauen, sondern sammeln. Zwei Beine sind auch nicht dafür da, um untereinander ein Rennen zu veranstalten. Woher kommt also die Behauptung, dass dies mit dem menschlichen kollektiven Bewusstsein anders sein sollte.

Die Entwicklung des Bewusstseins ist unvermeidlich und die Katastrophen sind die Folgen der Wahl der falschen Entwicklungswege. Das Bewusstsein bedeutet ein Gebot der gemeinsamen Entwicklung mit dem gemeinsamen Ziel. Die Konkurrenz ist nicht dafür da, den Starken gewinnen zu lassen, sondern um den richtigen Entwicklungsweg zu finden.

Die Gerechtigkeit bedeutet das Optimum der Entwicklung. Dieses Optimum toleriert keine Exzesse wie übermässiger Reichtum, Versklavung, Besitzergreifung oder Machtgier. All diese Exzesse schaden dem Bewusstsein und führen zu seinem Zerfall.

Solange der Mensch nicht lernt bewusst zu sein und sich von seinen Mythen leiten lässt, solange gibt es keine Chance auf die Gerechtigkeit. Es wird nur die „menschliche“ Gerechtigkeit geben.

Das Bewusstsein des Universums regelt auch das Problem der Schuld und der Strafe. Unabhängig vom menschlichen Gesetz gibt es eine Strafe für das Nichtbefolgen der Prinzipien des Universums. Diese Strafe ist eine Wiederholung des Weges zum Selbstbewusstsein. Jedes Bewusstsein, welches den Zielen des Universums entgegen wirkt, wird mit der Wegwiederholung bestraft. Dies ist weder Bosheit noch Rache. Es gibt nur ein Ziel und jedes Bewusstsein, welches diesem widerspricht muss zum Anfangspunkt zurückkehren. Diese Lektion wird bis zum Erfolg wiederholt.

Das gleiche gilt für das Zufügen von Schmerz. Das Bewusstsein ist namenlos. Ein Mensch, welcher einem anderen Menschen oder einem anderem Wesen weh tut, tut sich selbst weh. Das Problem liegt in der fehlenden Liebe. Ein Mörder, welche seine Opfer malträtiert, hört nicht, wie er sich selbst anschreit: „Tue mir das nicht an!“. Und solange er es nicht hören wird, solange wird er nicht zu lieben lernen, solange wird es sich selbst quälen.