5.4.3. Der Glaube

Kann der Mensch ohne Glauben leben? Die Antwort ist nein. Dies ergibt sich aus dem Prinzip des steigenden Bewusstseins. Solange das volle Selbstbewusstsein nicht erreicht wurde, solange existiert eine Lücke zwischen Wissen und Wahrheit. Um dem Leben einen Sinn zu geben, muss diese Lücke geschlossen werden. Es bleibt also nichts anderes übrig als zu glauben.

Der Mensch hat also das Recht zu glauben, er hat aber auch die Pflicht zu glauben.

Der Glaube ist ein Teil des Erkenntnisprozesses und ein untrennbares Element der Bewusstseinsteigerung.

Der Glaube kann sich auf verschiedene Weise manifestieren, vom Erkenntniswillen bis zum religiösen Fanatismus. Der Glaube kann durch die Kirchen oder die Universitäten institutionalisiert werden. Die Kirchen versuchen den Glauben zu untermauern, die Universitäten hingegen versuchen ihn zu dynamisieren. Es kommt leider manchmal vor, dass sich die Universitäten wie die Kirchen verhalten und die Kirchen ihrerseits stellen sich als Universitäten dar. Die Wissenschaft und der Glaube sind die Folgen desselben Bewusstseinspotentials und deswegen verwischen sich manchmal auch die Grenzen zwischen der Religion und der Wissenschaft .

Der menschliche Glaube kann auf verschiedene Art und Weise angewendet oder ausgenützt werden. Der Glaube kann bestimmten Handlungen einen Sinn geben. Er kann auch für die Versklavung ausgenützt werden. Der Glaube kann verwendet werden Menschen zu betrügen. Jeder alleine ist dafür verantwortlich, woran er glaubt und wofür er seinen Glauben verwendet.

Der Glaube findet Ausdruck in der Naivität, im Fanatismus oder in der Offenheit. Der naive Mensch wechselt sein Glaubensobjekt immer wieder und verifiziert nicht, woran er glaubt. Der fanatische Mensch - hat er einmal seinen Glauben gefunden - verteidigt er ihn wie eine Festung, indem er alle anderen Möglichkeiten verbissen bekämpft. Der offene Mensch glaubt und verifiziert das, woran er glaubt.

Der Fanatismus und die Naivität sind die extremen Pole desselben Potentialzustandes des Bewusstseins – des Glaubenszustandes. Die Offenheit ist das Optimum dieses Zustandes.

Der Mensch hat übrigens die Pflicht zu glauben. Er hat die Pflicht zu glauben, dass das Leben einen Sinn hat und, dass der einzig richtige Weg der Weg der Erkenntnis ist.

Der Mensch hat die Pflicht zu glauben, dass sich alles Böse in Gutes verwandeln wird, dass jedes Leiden einen Sinn hat. Dieser Glaube ergibt sich aus den Prinzipien des Universums. Das Bewusstsein erkundet auf seinem Erkenntnisweg verschiedene Richtungen und Gebiete. Auf diesem Erkenntnisweg erlebt es nicht nur Erfolge, sondern auch Niederlagen. Jede Niederlage bedeutet Schmerz und Leid. Leider bestimmt häufig das Leid und der Schmerz den richtigen Entwicklungsweg. Schmerz und Leid sind die Opfer, welche der Mensch - und nicht nur der Mensch - auf dem Weg zur Wahrheit erbringen muss. Leider sind sie häufig die Strafe dafür, dass die Prinzipien des Universums nicht eingehalten wurden.

Wie viele Menschen haben für die Erfindung der Sicherheitsgurte mit dem Leben bezahlt? Wie viele bezahlen immer noch, um zu beweisen, dass man diese Sicherheitsgurte auch benützen soll? Wie viele Menschen haben mit ihrem Leben für den Beweis bezahlt, dass Rauchen von Zigaretten gesundheitsschädlich ist? Wie viele Menschen haben mit ihrem Leben für die Überprüfen der Ideen des Faschismus bezahlt?

Bevor jemand behauptet, dass er nicht glaubt, sollte er zuerst allen Opfer der falschen Ideen in die Augen schauen.

Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob diese Opfer notwendig waren? Man kann sich auch fragen: Sind weitere Opfer der falschen Ideen unvermeidlich?

Das Universum verlangt solche Opfer nicht. Das Universum verlangt nicht, dass man sich selbst ins Unglück treibt. Das Universum verlangt auch nicht, dass man sich selbst oder anderen Schmerz zufügt. Das Universum verlangt aber, dass man bewusst lebt. Wenn man nicht bewusst lebt, folgt der Schmerz und dieser wird so lange zurückkehren, bis der Mensch sein Verhalten ändert und sich entscheidet sich bewusst zu werden, sofern es für eine solche Änderungen nicht schon zu spät ist.