5.3. Moralität

Die menschliche Moralität ist im Grunde eine idealistische Übertragung des Stabilitätsprinzips auf die Regeln des menschlichen Verhaltens.

Hier wieder ein paar Beispiele:

Du sollst nicht stehlen.

Denn wenn alle stehlen, wird es nichts mehr zu stehlen geben.

Du sollst nicht töten.

Denn wenn alle töten, wird es niemanden geben, der tötet.

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Wenn die Kinder die Eltern nicht ehren, dann werden die Eltern keine Kinder haben wollen. Schlussendlich wird es keine Kinder und auch keine Eltern mehr geben

Du sollst nicht ehebrechen.

Wenn die Frauen jedes Kind mit einem anderen Mann zeugten, würde kein Mann eine Familie haben wollen. Keine Familie - keine Ehe, keine Ehe - kein Ehebruch.

Diese Gebote sind die fundamentalen Prinzipien des Gutes. Die menschliche Moral lehnt die Verhaltensregeln den fundamentalen Prinzipien des Gutes an. Dabei wird zugelassen, dass diese Regeln nicht eingehalten werden. Dieses Vorgehen ist nur deswegen richtig, weil der Mensch sich in Gefahrsituationen sowieso intuitiv verhält, also entsprechend dem Stabilitätsprinzip. Um zu vermeiden, dass die fundamentalen Prinzipien auch fundamental eingehalten werden, hat man den Sündennachlass eingeführt.

Dieses Vorgehen hat seinen praktischen Sinn. Es genügt nur die fundamentalen Prinzipien des Guten zu formulieren. Dank der Institution des Sündennachlasses muss man nicht alle Ausnahmefälle formulieren, welche sich aus dem Stabilitätsprinzip ergeben.

Die Menschen betrügen, stehlen oder töten sogar. Es ist das Stabilitätsprinzip, welches verlangt, dass die Menschen dazu fähig sind. Wären die Menschen zu solchem Verhalten nicht fähig, würde es die Menschen gar nicht geben. Jemanden mit dem Abschneiden einer Hand zu bestrafen, weil er gestohlen hat, ist absurd. Ebenso könnte man den linken Fuss eines Menschen abschneiden, weil er einen rechten Fuss besitzt.

Die Menschen stehlen aber auch dann, wenn sie nicht stehlen müssen. Dafür ist wiederum das Stabilitätsprinzip verantwortlich. Die Einschätzung einer Situation ist immer subjektiv. Ein Mensch wird die gewisse Situation als eine stabile betrachten, ein anderer als eine Bedrohung. In der gleichen Situation entstehen also verschiedene Verhaltensmuster. Es gibt Menschen, welche geradezu krankhaft jede Situation als eine Bedrohung betrachten und dabei die Notwendigkeit sehen das Stabilitätsprinzip anzuwenden. Zwischen dieser „krankhaften“ Einschätzung und dem vollen Sicherheitsgefühl gibt es eine ganze Palette von Verhaltensmuster.

Während einer Katastrophe oder wenn eine gemeinsame Bedrohung entsteht, zeigt sich sehr oft die brutale Seite des Stabilitätsprinzips – „Rette sich, wer kann“. Im kollektiven Bewusstsein kommt es in einem bestimmten Moment zur Interferenz des Bedrohungsgefühls. Dies ruft Panik hervor. Das Stabilitätsprinzip beginnt in seiner extremen Form zu wirken. Jeder will für sich vorsorgen. Alle stehlen. Die einen Wasser, andere Fernsehapparate.